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Hass mag ich nur als Avocado – meine Gedanken zu Übergriffigkeit und Mobbing im Netz

Ich wollte eigentlich nur einen kurzen Instagrambeitrag zum Thema Hass und Hetze schreiben – nun ist es doch ein ganzer Blogbeitrag geworden. Denn mir macht die zunehmende Übergriffigkeit, Unverschämtheit, Aggressivität und das Mobbing im Internet große Sorgen. Mir ist bewusst, dass das für einen Hautblog wie Kratz und Maus ein Off-topic-Thema ist, dennoch finde ich es wichtig, darüber zu sprechen. Ich habe versucht, all meine Gedanken, die sich hierzu in letzter Zeit angehäuft haben, zusammenzutragen.

Der Ton im Netz wird rauer, unverschämter und aggressiver

Es mag mit Corona, dem Lockdown oder einer generellen gesellschaftlichen Unzufriedenheit zusammenhängen, aber: Der Ton in den sozialen Medien ist in letzter Zeit merkbar rauer, unverschämter und aggressiver geworden. Die Stimmung kippt irgendwie. Immer mehr Instagramer*innen, denen ich folge, äußern leise aber besorgt, dass ihnen Instagram und die Community im Moment keinen Spaß mache. Die Luft ist angespannt, niemand traut sich, offen zu reden oder zu posten, weil schon Kleinigkeiten ganze Shitstorms auslösen können. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Schnell ist die Empörung groß. Die Angst vor sinnloser Hetze sitzt sowohl bei den großen als auch bei den kleineren Accounts. Doch natürlich betrifft der Trend zur Übergriffigkeit nicht nur diejenigen, die ihr Geld mit Instagram, YouTube oder TV verdienen, sondern eben auch jeden anderen mit Smartphone und Internetverbindung.

Am Anfang steht die Übergriffigkeit

Um es vorwegzunehmen: Selbstverständlich lebt das Prinzip Social Media von Interaktion und Austausch, es geht schließlich um Engagement-Raten und Verweildauer-Zeiten. Die*Der Influencer*in, Blogger*in, YouTuber*in oder TV-Star scheint mir so nah, weil private Einblicke suggeriert werden, die man so in ihrer Alltäglichkeit und Regelmäßigkeit noch nicht einmal von Freund*innen kennt. Man fühlt sich persönlich verbunden mit der Person und es kann sich schnell ein Gefühl einstellen, dass man quasi befreundet ist, weil man den anderen so gut kennt, er einem so ähnlich ist oder man sich einfach schon so lange folgt.

Und genau bei dieser vermeintlichen Nähe, Verbundenheit und Distanzlosigkeit beginnt das Problem. Die Grenzen verschwimmen immer mehr, denn schließlich ruft die*der Influencer*in mich ja zum Kommentieren auf. Folgt man schon über Jahre, baut sich vielleicht auch irgendwann eine gewisse Erwartungshaltung auf – immerhin verdient der andere durch meinen Konsum seiner Werbung oder seiner Produkte auch Geld. Eine private Nachricht oder ein Kommentar ist nur einen kurzen Klick entfernt und kostet nur wenige Sekunden meiner Zeit. Die Kehrseite: Genauso schnell, wie ich mit einem Smiley oder Herz reagieren kann, sind auch Kotzsmileys oder Daumen nach unten abgeschickt.

Über Komplimente, Lob, Zustimmung und positive Vibes im Postfach freuen sich sicherlich alle. Schließlich lebt niemand gerne von Ablehnung und es ist ja auch wichtig und wertvoll, Bestätigung für die eigene Arbeit zu erhalten. Dass es Influencer*innen, die hunderte oder gar tausende Nachrichten am Tag bekommen, manchmal zu viel wird, sieht man an Hinweisen wie: „Bitte schickt mir keine Tipps dazu“. In meinen Augen ist das eine eindeutige Grenzziehung! Und trotzdem folgen Nachrichten mit „Ich weiß, du willst keine Ratschläge hören, aber …“. Und an dieser Stelle beginnt die Übergriffigkeit (auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch lieb bzw. gar nicht böse gemeint ist): Man drückt einer fremden Person eine Meinung auf, um die sie (explizit) nicht gebeten hat! Damit überschreitet man bewusst eine Grenze. Äußert die*der Influencer*in zusätzlich ihre Genervtheit, fühlen sich viele gleich extrem persönlich angegriffen.

Nach der Übergriffigkeit folgt meist das Mobbing

Wenn wir von Hass im Netz reden, dann sprechen wir aber natürlich vor allem von all den Beleidigungen, Schimpfwörtern und expliziten Drohungen unter Beiträgen und Videos oder eben in Direktnachrichten. Es mag das psychologische Phänomen geben, dass man sich besser fühlt, wenn man einen anderen niedermacht. Es ist trotzdem weder witzig noch besonders originell, eine andere Person öffentlich als hässlich, fett, Schlampe, Hure oder Missgeburt zu beschimpfen.

Achtung, wichtig: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob die Pöbeleien und Stänkereien nur Gedanken in deinem eigenen Kopf sind – oder ob du sie auch dem anderen gegenüber aussprichst und kommunizierst!

HaticeEROL/Pixabay

Hater kotzen förmlich anderen Leuten auf deren Party ins Gesicht. Die betreten (im übertragenen Sinne) das Haus einer fremden Person und schreien rum, wie schrecklich sie das Haus finden. Und dabei ist es ihnen doch ganz frei, die Party oder das Haus zu verlassen. Niemand hat sie eingeladen oder ist auf ihren Besuch angewiesen.

Ich spreche hier nicht von konstruktiver Kritik. Die ist und bleibt natürlich wichtig (wobei auch hier ganz klar der Ton die Musik macht). Aber um es noch einmal zu betonen: Hass, (Mord-)Drohungen, Vergewaltigungsfantasien oder übelste Beschimpfungen (teilweise sogar der Familie oder der Kinder) sind keine Kritik und können auch nicht scheinheilig als solche verkauft werden!

Aus diesem Grund ist das Argument „Aber derjenige steht doch in der Öffentlichkeit und muss mit sowas rechnen“ so unterirdisch ignorant und total daneben. Damit wird eine vermeintliche Legitimation von Mobbing erschaffen, die jeder Grundlage entbehrt. Es gibt nun mal Personen, die ihr Geld damit verdienen, ihr Gesicht in eine Handykamera zu halten, Produkte zu bewerben, im Fernsehen zu moderieren oder bei YouTube mit selbst gedrehten Videos zu unterhalten. Na und? Deshalb sind sie doch nicht weniger Menschen mit einer Würde und einer Seele wie jeder andere Bürger auch. Es gibt dir deshalb nicht das Recht, diesen Menschen zu beschimpfen, „weil er das ja aushalten muss“. Nein, man, jeder von uns steht in irgendeiner Weise „in der Öffentlichkeit“ und niemand von uns möchte diese Hetze erleben oder „aushalten“.

Worte sind Macht

Nun kann es sein, dass mich diese Störenfriede nicht weiter aufhalten bei dem, was ich tue (weil mir z. B. egal ist, was andere sagen; weil ich z. B. weiterhin fest von einer Sache überzeugt bin; weil ich z. B. über ein gesundes und starkes Selbstbewusstsein verfüge). Aber es ist eben nicht jeder resilient (widerstandsfähig) genug, um all das Negative, all das Mobbing durchzustehen (auch nicht Prominente). Vergiss niemals: Worte sind Macht! Worte können schwere Verletzungen hinterlassen. Am Ende des Tages sind es die schlimmen Nachrichten, die im Gedächtnis bleiben und eben nicht die netten Dinge.

Und irgendwann, nachdem ich all die dummen Kommentare bisher noch freundlich weglächeln konnte, da wächst in mir die Überzeugung: Vielleicht ist mein Haus, meine Einrichtung, meine Figur oder mein Gesicht wirklich so furchtbar – oder bin ich selber eine Zumutung für andere. Wenn man dann nicht rechtzeitig den Absprung schafft oder sich Hilfe holt, beginnt die Angst, weiterhin zu posten oder auf die Straße bzw. zur Schule/Arbeit zu gehen. Dann schleichen sich Depression und tiefe Traurigkeit an und nisten sich in meinem doch bisher ganz gesunden Kopf ein.

Jeder Mensch ist anders – leben und leben lassen

Jeder Mensch ist individuell, sieht anders aus, präferiert andere Lebensentwürfe und jeden umtreiben andere Gedanken und Sorgen. Es geht nicht darum, jeden Menschen zu verstehen oder dessen Ansichten zu teilen, aber muss man ihn gleich mit Dreck beschmeißen? Muss ich ihn wirklich sofort (vor-)verurteilen, nur weil er sich an einem schlechten Tag etwas ungeschickt ausgedrückt hat? Wie wäre es stattdessen mit mehr Empathie und Mitgefühl? Du kannst nie alle Hintergründe kennen. Akzeptiere, dass jeder Mensch einzigartig ist und respektiere, dass nicht alles nach deiner Nase läuft (auch wenn du es gerne so hättest). Hör auf, von dir per se auf andere zu schließen. Leben und leben lassen.

Nur weil du schon immer schlank warst, heißt das nicht, dass es für andere leicht ist, ihr Gewicht zu halten oder abzunehmen.
Nur weil du dir nicht vorstellen kannst, eine*n gleichgeschlechtliche*n Partner*in zu haben, heißt das nicht, dass jeder hetero leben muss oder Homosexualität etwas Abstoßendes ist.
Nur weil du von ganzem Herzen Mutter bist, heißt das nicht, dass jede Frau Kinder bekommen möchte.
Nur weil du keinen Corona-Erkrankten kennst, heißt das nicht automatisch, dass das Virus nicht existiert oder ein anderer nicht unter verheerenden Folgen der Krankheit leidet.
Nur weil jemand tagtäglich seinen Aufgaben nachgeht oder weiterhin freundlich in die Kamera lächelt, heißt das nicht, dass es demjenigen gutgeht.
Und nur, weil du noch keine Berührung mit Depression, Panikattacken, Angstzuständen oder Suizidgedanken hattest, heißt das nicht, dass es all das nicht gibt und nicht vielleicht deine unnötige Beleidigung das heutige emotionale Fass eines anderen zum Überlaufen gebracht hat.

Dein eigenes Licht scheint nicht heller, wenn du das Licht eines anderen erstickst

Denk immer dran: Dein eigenes Licht wird niemals heller scheinen, wenn du das Licht eines anderen erstickst! Deine eigene Situation wird dadurch doch nicht besser. Du machst dir vielleicht kurzzeitig Luft oder hast für den Moment was zu lachen – aber zu welchem Preis? Wenn du dich von etwas sehr getriggert fühlst, was ein anderer sagt, ist es meist DEIN Problem – und nicht seins. Kompensierst du nicht in Wahrheit bloß eine innere Schwäche und Unsicherheit, wenn du denkst, dich durch diese Art der vermeintlichen Machtausübung gut zu fühlen? Frag dich doch mal, ob du wollen würdest, dass jemand deine Eltern, deine Geschwister, oder deine*n Partner*in so behandelt! Möchtest du, dass deine pubertierende Tochter das Penisbild eines Mannes zugeschickt bekommt und dadurch verstört wird?

Andere Leute zu beleidigen und zu tyrannisieren, bringt dich nullkommanull weiter im Leben. Mobbing ist einfach scheiße und nienienie eine Lösung!

Das Ausgeliefertsein und warum es klare Gesetze braucht

Wir alle sind in sozialen Medien unterwegs und sehen unverschämtes Verhalten, Demütigungen und Hass jeden Tag. Einige von uns springen für jemand anderen vielleicht kurzzeitig in die Bresche. Das ist ein erster Schritt. Zivilcourage ist immer wichtig. Nur ab dann sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt. Und das ist das Problem, denn wenn Beleidigungen und Drohungen folgenlos bleiben, werden sie nicht von alleine aufhören – und das Gefühl von Ausgeliefertsein und Ohnmacht wird bleiben. Psychische Gewalt im Netz muss deshalb auch ganz klar strafrechtlich verfolgt werden können, sodass jede*r Betroffene zumindest eine gewisse Handhabe hat und Täter bestraft werden. Auch die Plattformen selber müssen hier ihre Verantwortung besser wahrnehmen und strenger regulieren.

Die Lösung

Wenn du jetzt also schon wieder Lust hättest, deine destruktive Meinung irgendwo zu posten, nimm dir einen Moment, atme mehrmals tief ein und aus. Tritt einen Schritt zurück und denk darüber nach, ob du diesen Kommentar wirklich schreiben musst. Und dann hab ich noch einen anderen Tipp für dich, eine ganz einfache wie simple Lösung: Wenn dir jemand auf den Keks geht, weil du mit seiner Art nicht klarkommst oder du seine Meinung nicht teilst, dann entfolge ihm auf Instagram oder scroll verdammt nochmal weiter in deinem Feed. Gib dich nicht den Fängen des Voyeurismus hin, auch wenn es so verlockend ist. Fokussier deine Kraft lieber auf dich, deine Familie, deine Freunde und dein Leben. Bleib bei dir und schau nicht so viel auf das Außen. Folge niemandem blind und attackier nicht drauf los, weil du dich dazu angestachelt fühlst. Bitte hör auf, deine Zeit und die der anderen damit zu verschwenden, sie anzukacken.

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